TV-Beitrag im ZDF am 19.08.2014 von 9:00 – 10:30 Uhr. Das Handy oder den Computer auszuschalten und offline zu gehen, fällt zunehmend vielen Kindern und Jugendlichen schwer. Durch die exzessive Mediennutzung verlieren sie zudem mehr und mehr den Kontakt zur Natur. Pädagogen der Präventionseinrichtung NEON in Rosenheim haben zusammen mit den Sparkassenstiftungen Zukunft der Stadt und des Landkreises Rosenheim ein spezielles, erziehungswissenschaftliches Angebot entwickelt, um suchtgefährdete Kinder und Jugendliche von Display oder Bildschirm loszubekommen. Begleitet von zwei Elternabenden und bei Bedarf auch weitergehender Unterstützung werden die Kinder im Connect-Camp von ihren Geräten entwöhnt und für einen besseren Umgang damit sensibilisiert.

ZDF Beitrag über das medienfreie Abenteuercamp "connect"

ZDF Beitrag über das medienfreie Abenteuercamp “connect”

 

Typischerweise nähern sich beide Geschlechter verstärkt ab dem Alter von zehn bis 15 Jahren unabhängig voneinander und auch auf unterschiedliche Weise den neuen Medien. In dieser Zeit, in der der gesamte Umgang mit technischen Geräten maßgeblich geprägt wird, erfolgt gleichzeitig ein oft rasanter Übergang vom Kind zum Jugendlichen, der für alle Beteiligten (einschließlich der Eltern) mit sehr viel Verunsicherung einhergeht. Deshalb ist diese Zeit besonders konfliktträchtig, nicht nur in Bezug auf den Medienkonsum.

Welche zentralen Bedürfnisse junger Menschen bedient die Nutzung von Medien? Sie möchten selbstbestimmt leben. Sie wollen mit anderen in Kontakt stehen, „dazu gehören“. Sie streben nach Bestätigung und „Lustgewinn“, möglichst unter Vermeidung von Frustrationserlebnissen. All diese Wünsche sind oder scheinen über das Netz und die neuen Medien kurzfristig erfüllbar.

Mittels Computer trainieren sie jedoch Fertigkeiten, die ihnen ausschließlich in dieser Domäne etwas nützen. Alltagskompetenz kann man aber nur „draußen“ erwerben, im „RL“ (im „real life“). Für die genannten Bedürfnisse hingegen gibt es jeweils auch eine Entsprechung in der realen Welt. Dies ist der Ansatz, dem die wildnispädagogische Präventionsarbeit von Connect folgt: die Natur spricht alle fünf Sinne an, fördert das bewusstere Wahrnehmen der Außenwelt und der Grenzen des eigenen Körpers

Ganzheitlicher Ansatz

Das auf zweimal zwei Tage angelegte Camp setzt als präventive Maßnahme nicht beim Mediengebrauch allein, sondern beim ganzen Menschen an. Dem liegt folgende Überlegung zugrunde: Wird das Selbstwertgefühl der Mädchen und Jungen gestärkt, kennen sie ihre eigenen Stärken und Schwächen besser und können sie leichter artikulieren. Dieses Wissen hilft ihnen, besser mit sich und anderen umzugehen – in der „Offline-Welt“, aber auch beim täglichen Umgang mit dem Computer.

Teilnehmer beim Feuer machen

Teilnehmer beim Feuer machen

Die klein gehaltene Teilnehmerzahl erlaubt eine besonders intensive Beschäftigung mit den Kindern. Ihr heterogenes Alter ist durchaus erwünscht, wie auch die mehr oder weniger intensiven Erfahrungen, die sie mit den neuen Medien bereits gemacht haben.

Gefühle ausleben

Computerspiele dienen ihren Nutzern als Mittel zur Entspannung und Stressabbau. Hier erleben sie Gefühle, für die jenseits des Bildschirms oft wenig Raum ist, darunter fallen Macht, Stärke, Aggression und Phantasie. Sie begeben sich in ungeplante, überraschende und herausfordernde Situationen. Abenteuer, die zu bestehen für den Spieler bedeuten, dass er sich selbst und anderen etwas beweisen kann. Während man sich beim alleinigen Spielen mit Tastatur oder Joystick hinter einem virtuellen Avatar verstecken kann und keinen direkten Kontakt zu anderen aufbauen muss, bieten Live-Rollenspiele etwa eine Alternative im echten Leben. Die Pädagogen von NEON raten deshalb, seinen Nachwuchs dazu zu ermutigen, sich zusätzlich auch einer solchen Gruppe anzuschließen, mit der ganz analog gespielt werden kann.

Wie beim „Onlinegaming“ gilt auch ganz allgemein: Je mehr andere, sinnvolle, anregende und entspannende Freizeitbeschäftigungen dem Jugendlichen zur Verfügung stehen, desto weniger Zeit wird er vor dem Computer verbringen. Hier raten die NEON-Pädagogen: Regen Sie Ihr Kind dazu an, sich ein Instrument, eine Sportart oder ein anderes Hobby anzueignen, bevor das Interesse an neuen Medien alles andere überlagert. Je besser es von klein auf versteht, sich allein oder mit anderen zu beschäftigen, desto weniger leicht ist es später anfällig, „aus Langeweile“ zum passiven Stubenhocker zu werden.

PC und Handy – ab wann?

Die Mitarbeiter von NEON vertreten kein totales Verbot von neuen Medien, möglichst auch nicht über einen bestimmten Zeitraum, etwa als Strafe oder als Belohnung für irgendetwas. Sie plädieren vielmehr für einen reflektierten, dosierten und kontrollierten Gebrauch von Anfang an.

Dazu gehört, dem Kind möglichst spät oder nie einen Fernsehen oder PC ins eigene Zimmer zu stellen – und auch beim Handy darauf zu warten, bis wirklich seine gesamte „Peergroup“ darüber verfügt, um es nicht auszuschließen. Hilfreich sind auch technische Vorkehrungen die, einmal fachkundig eingerichtet, wie von selbst die Nutzungszeit auf ein paar Stunden begrenzen oder den Besuch bestimmter Seiten verhindern können.

Vorbild sein!

Wichtig ist, in der Medienerziehung nicht „Wasser zu predigen und Wein zu trinken“. Eltern sollten ein gutes Vorbild sein. Denn viele Erwachsene und darunter viele Eltern haben den eigenen Umgang mit den neuen Medien nicht wirklich im Griff. Es ist weitaus besser, vor den eigenen Kindern zuzugeben, dass man beispielsweise selbst häufig viel mehr Zeit mit Surfen verbringt, als ursprünglich vorgehabt.

Die Jugendlichen merken sehr schnell, wenn ihnen vorgemacht wird, der Computer werde nur „zum Arbeiten“ benutzt, während er einen immer größeren Platz innerhalb der familiären Freizeitgestaltung einnimmt. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für das Smartphone: wie sollen Kinder, etwa während einer gemeinsamen Unternehmung, die Finger davon lassen, wenn selbst Mutter oder Vater ihr Telefon niemals für längere Zeit aus dem Blick verlieren?

Quelle: ZDF

 

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